Sei mal ehrlich: Wann hast du das letzte Mal etwas Nicht-Kalorienreduziertes gegessen, ohne dich damit vollzustopfen oder es zu erbrechen oder dir davon von vornherein weniger zu nehmen, als du eigentlich Hunger oder Appetit hättest?
Ich habe den Eindruck, dass viele, die schon längere Zeit essgestört sind, irgendwann in einer Art Sackgasse sind, aus der sie nicht herausfinden. Zum Beispiel Bulimiekranke, die nicht mehr so oft und stark Fressanfälle haben und auch nicht zwingend jedes Mal erbrechen, aber dennoch nicht richtig normal essen. Ehemals Magersüchtige, die eine Bulimie entwickelt haben und wieder zur Magersucht zurückwollen, aber daran ,,scheitern". Halbwegs Gesunde, die mehrere Tage oder Wochen am Stück normal essen, dann wieder anfangen, Kalorien zu zählen und zu diäten, und nach einiger Zeit wieder normal essen, und dann wieder diäten. Essgestörte, die übermäßig viel essen und nicht aufhören können und zunehmen und sich irgendwann zusammenreißen und wieder abnehmen, und dann wieder übermäßig viel essen und nicht aufhören können und zunehmen. Essgestörte, die mit einem Bein das Ufer erklommen haben, mit dem anderen aber noch im Schlamm stecken und es einfach nicht herausgezogen bekommen.
Ich möchte gerne ein paar Worte darüber verlieren, wie man ein normales Essverhalten zurückerlangen kann. Das könnte nicht nur die oben genannten Gruppen interessieren, sondern ebenso rein Bulimiekranke, Magersüchtige, Binge-Eater, Menschen mit EDNOS oder anderen Essstörungen.
Zunächst einmal ist es unvermeidbar, dass du dir
nichts mehr verbietest. Die Einleitung sollte dazu dienen, dass du dich fragst, wann und ob du überhaupt Lebensmittel isst, die nicht light, nicht fett-, nicht kohlenhydrat, zucker- oder kalorienreduziert sind. Mal im Ernst: Selbst, wenn du es dir vielleicht schon öfters vorgenommen hast, weil du seit einiger Zeit durchaus versuchst, zu einem normalen Essverhalten zurückzukehren, bist du nicht letzten Endes immer wieder bei einem 1,5% oder sogar 0,1% Joghurt gelandet, wenn du da im Supermarkt vor dem Tiefkühlregal standest? Hast du die mutig erworbenen Schoko-Puddings zuhause dann doch weggeschmissen oder sie für eine Essattacke benutzt? Das ist der Punkt, an dem du ansetzen musst. Immer und immer wieder. Ich weiß, dass das seine Zeit braucht, ich selbst habe es auch viele Male probiert, und ich bin immer noch nicht vollständig davon befreit, diätische Lebensmittel zu kaufen. Aber weißt du eigentlich, wie unglaublich schön und toll sich das anfühlt, wenn du aufhörst, dir bestimmte Produkte zu verbieten? Wenn dir plötzlich alles zur Auswahl steht? Wenn du in den Supermarkt gehst und das kaufen kannst, was du willst und was dir schmeckt, wenn du es ,,darfst" (und denk immer dran, du bist selbst die Einzige, die es dir verbietet. Niemand sonst tut das. Nicht deine Eltern, nicht deine Freunde; das sind nur die Menschen aus der Fernsehwerbung, die für einen Bikini-Notfallplan oder Diätshakes werben, es bist nur du, wenn du diesen Vorhaltungen Folge leistest und dich dem Regime einer Diät unterwirfst.)?
Ich kann es dir nur aus eigener Erfahrung sagen: Man empfindet tatsächlich ein wahres Glücksgefühl, wenn man auf einmal zwischen allem wählen kann.
Überleg doch mal: Was hast du schon lange nicht mehr gegessen, weil es zu viele Kohlenhydrate hat, zu viel Zucker oder zu viele Kalorien? Wovor hast du Angst, und kaufst es deshalb nicht, weil du eine Essattacke vermeiden willst? Worauf hättest du mal so richtig Lust? Vielleicht ein Cornetto, ein Ben & Jerry's, 3,5% Joghurt oder Milch, Müller Milchreis, cremigen Käse, Aufback-Brötchen, Kakao, Frischkäse, Steak, Antipasti....
Du darfst das! Es steht dir alles zur Auswahl. Es gibt keine Verbote. Vergiss die Diät! Sie nimmt dir Lebensqualität, und deshalb musst du endlich damit abschließen! Und eines kann ich dir versprechen: Nicht-Diätisches wird dich satt machen und befriedigen. Es ist nichts Verbotenes. Du isst es, es schmeckt dir (hoffentlich), und du bist zufrieden, dein Hunger gestillt, und du kannst dich anderem widmen. Es ist so toll! Du fühlst dich wie ein kleines Kind an Weihnachten. Du darfst alles entdecken, alles nacheinander ausprobieren. Lebensmittel, von denen du schon immer mal wissen wolltest, wie sie schmecken, oder die du früher so gerne gegessen hast (du darfst Fett- oder Kalorienarmes natürlich weiterhin essen, wenn es dir richtig gut schmeckt, z.B., weil es eine bestimmte Sorte ist - aber sei ehrlich zu dir. Tust du es, weil du das Lebensmittel an sich gerne magst oder weil du denkst, dass du es essen solltest?).
Hast du das gekauft, worauf du Lust hast, kommt der Teil, der zunächst einmal schwieriger sein kann und vor dem du vermutlich am meisten Angst hast (und deshalb auch nicht aufhörst, dir Dinge zu verbieten). Ja, du wirst Fressanfälle haben. Du wirst vielleicht auch zwischenzeitlich wieder versuchen, abzunehmen, vielleicht wirst du auch Essen in dich hineinstopfen. Aber das ist der zweite Punkt, an dem du ansetzen musst: Dich immer wieder daran erinnern, dass nichts verboten ist. Alles ist erlaubt. Iss, was du möchtest und wovon du glaubst, dass es dich in diesem Moment befriedigt. Das erfordert unter Umständen etwas Training.
Ich selbst mache es seit Monaten so und muss den Kreislauf auch immer wieder aufs Neue durchschreiten, aber soll ich dir etwas verraten? Ich muss es immer seltener tun. Eine Form eines Kreislaufs kann zum Beispiel sein, dass es dir für einige Zeit recht gut gelingt, normal zu essen und du denkst: ,,Hey, es läuft gut. Dann kann ich ja auch wieder reduzieren, um doch noch ein paar Kilo abzunehmen!". Und dann reduzierst du, und du nimmst auch etwas ab, aber dann kommen wieder die Fressanfälle, und dein Körper holt sich zurück, was ihm an Gewicht, und deine Psyche, was ihr an Selbstachtung fehlt.
Der Eintritt in diesen Kreislauf, das ist deine Essstörung, die dir da zuflüstert. Der springende Punkt ist:
Du musst Nein sagen, wenn du wieder auf diesen Kreislauf zu rennst. Vielleicht hilft es dir, dir wortwörtlich vorzusagen: ,,Ich sehe, dass ich schon wieder in ungesunde Muster zurückfalle. Ich weiß doch mittlerweile, wie das enden wird. Diesmal kann ich es anders machen. Ich reduziere nicht, sondern ich esse weiterhin so, wie ich es momentan tue. Es geht mir gut damit." Ich meine, du kennst das doch, oder: Du bist mit Freunden unterwegs und alle holen sich etwas Gutes zu essen. Auch du hast sehr Hunger, aber es gibt nur ,,Fettiges", ,,Ungesundes". Nichts, was in deinen Diätplan passen könnte. Also erfindest du ausreden und spürst das unangenehme Kneifen in deinem Magen. Du verabschiedest dich irgendwann und kommst nach Hause, und da stopfst du dann plötzlich alles in dich rein. Nun probier es doch mal so: Wenn du das nächste Mal in einer solchen oder ähnlichen Situation bist, dann hol auch du dir das, worauf du Hunger und Appetit hast,
egal, wie viele Kalorien es hat. Du wirst dann satt sein. Mehr Konzentration und Ausdauer haben und vielleicht noch mehr unternehmen. Wenn du nach Hause kommst, bist du befriedig und musst dich nicht auf den Kühlschrank stürzen. Letzten Endes hast du auf diese Weise eigentlich sogar weniger zu dir genommen, als wenn du dir das Essen in erster Linie verboten hättest.
Wie gesagt, die Rückfälle werden kommen. Aber es ist nicht gelogen, wenn ich sage, dass sie seltener und kürzer werden.
Und irgendwann kommst du an einen Punkt, an dem es für dich
wunderschön ist, etwas Leckeres zu essen und danach satt zu sein und nicht mehr zwanghaft ans Essen denken musst. Du kannst dich wieder auf anderes konzentrieren. Vielleicht hilft es dir, mit anderen zusammen zu essen. Für viele Essgestörte ist das sehr schwer, aber machst du erst einmal den Anfang, wirst du merken, wie gut es eigentlich tut. Ich saß zum Beispiel mit Freunden bei McDrive im Auto und alle hatten sich Burger, Pommes und Cola geholt. Ich saß auf der Rückbank, schlürfte meine Cola-Zero und kaute auf meinem glutenfreien Knäckebrot herum. Dann wurde mir klar, dass es keinerlei Grund gab, nicht auch etwas Leckeres zu essen. Also stibitze ich mir ein paar Pommes. Das war der Anfang. Von da an konnte ich mir immer mehr erlauben. Süßes im Kino, kalorienhaltige Getränke an einem heißen Sommertag, ein Eis für einen abendlichen Fernsehabend. Saftiges Fleisch mit Soße und Reis (statt der Gemüsepfanne!), weil ich an diesem Tag sehr entkräftet und durchgefroren war und dringend etwas brauchte, das mich aufpeppelte.
Mittlerweile bin ich so weit,
dass ich mir selbst eingestehen kann, dass ich gerne esse. Das ist wichtig. Du musst niemandem vorspielen, dass du die Diät-Königin schlechthin bist. Es ist doch eigentlich sogar sehr sympathisch, wenn du mit jemandem lecker essen gehen kannst. Ich kann inzwischen (meistens zumindest) vor Freunden zugeben, dass ich Hunger habe oder etwas lecker finde oder Lust auf etwas habe. Das ist auch ganz normal. Du äußerst damit vor dir selbst und vor anderen ein Bedürfnis, und das darfst du. Denk dran: Dir mag es so vorkommen, als ob jeder zweite essgestört ist, und manchmal stimmt das ja auch. Aber es gibt noch viel mehr Menschen auf dieser Welt, denen dein Gewicht und deine Diät, auf gut Deutsch gesagt,
scheißegal sind. Die interessieren sich für Musik, für Fotografie, für gute Filme, für ferne Länder, für guten Humor.
Entspann dich. Mach dir nicht so einen Stress und unterwirf dich nicht länger dem Regime einer Diät. Befreie dich von diesen Zwängen und sei wieder der Mensch, der gerne isst.
Ich habe mehrere Lebensmittel aufgezählt, die man wohl eher als ,,ungesund" bezeichnen würde. Ich meine damit nicht, dass du, indem du normal isst, dich nur noch von vermeintlich ,,ungesunden" Produkten ernähren sollst. Genauso wenig sollst du dich ausschließlich von gesunden ernähren. Viele von uns haben doch bestimmt schon mal bei diesem Fitnesswahn mitgemacht, der auf tumblr, Instagram und co. grassiert, oder?
Oatmeal, peanut butter, berries, protein pancakes, girls who lift, strong ist the new skinny, the gym is my new boyfriend... Und so weiter. Dass das ganze orthorektische Züge besitzt, das ist dir vielleicht klar. Die Fitspos auf diesen Bildern geben genauso ein Körperideal vor wie Thinspos (wenn sie auch etwas gesündern sind als Abgemagerte), und die Sprüche darauf entwickeln sich zu einem wahren Mantra, dass dich wiederum anderen Zwängen unterwirft. Vorher warst du womöglich auf Hungern, Kalorien zählen und Diäten fixiert. Jetzt bist du es genauso, nur eben auf etwas anderes (Sport, Muskelauf- und Fettabbau, gesunde Ernährung, ,,
clean eating"). Insgeheim weißt du doch, dass das lediglich eine Suchtverlagerung ist, oder? Natürlich ist es besser, wenn jemand wieder isst, anstatt zu hungern.
Aber solange er oder sie einzig und allein vom Mager- zum Fitnesswahn gewechselt ist, wird die Person niemals gesund werden. Essen sollte etwas Schönes für dich sein. Etwas, das du nicht planen musst (es sei denn, du planst ein Essen mit Freunden oder bist Mutter und kochst für deine Familie o.Ä.).
Dein Körper wird ein Gleichgewicht finden. Manchmal hast du Lust auf Obst und Gemüse, manchmal auf Pudding und Eis. Wenn du Lust auf Pudding hast, iss kein Obst, denn dann wirst du nicht befriedigt sein. Du wirst später am Tage wieder Hunger bekommen und kannst das Obst dann essen. Und andersrum natürlich genauso.
Es ist sicherlich nichts falsch daran, gesunde Lebensmittel zu sich zu nehmen; soundso viel Hände Obst und Gemüse am Tag (aber bitte nicht zwanghaft abzählen und darauf achten). Wenn du es nicht auf die Menge schaffst, dann macht das doch nichts. Morgen ist auch noch ein Tag. Vielleicht war dir heute mehr nach etwas anderem. Dafür wirst du an einem anderen Tag Lust auf Salat verspüren. Ebenso wenig musst du dich zu übermäßigem Sport zwingen, weil du den Druck verspürst, Kalorien verbrennen zu müssen. Ich treibe mittlerweile weniger Sport, und das hilft. Und wisst ihr was? Ich habe nicht zugenommen. Ganz im Gegenteil. Ich finde meinen Körper sogar ein kleines bisschen schöner als mit lauter Muskeln und trainierten Oberschenkeln. Er nimmt eine Form an, für die er gemacht wurde.
Außerdem solltest du wirklich aufhören, dich zu wiegen. Ich habe es bis vor nicht allzu langer Zeit noch getan, bis meine Mutter dann in einem Wutanfall die Waage kaputt gemacht hat. Ich war zunächst natürlich sauer deswegen, aber im Nachhinein bin ich sehr dankbar dafür. Seit ein paar Wochen weiß ich nicht mehr, was ich wiege, und es ist mir auch egal. Ich habe nicht täglich eine Zahl im Kopf, und weil ich nicht mehr weiß, wie viel ich im Moment wiege, habe ich auch kein Zielgewicht mehr (denn vielleicht hab ich das ja sowieso schon). Sicherlich merkt man bis zu einem gewissen Grad, in welchem Bereich man sich in etwa bewegt. Aber irgendwann... Da wird dir das egal. Wirklich.
Ach ja, und das Thema Kalorienzählen. Es ist klar, dass du auch das irgendwann einmal lassen musst. Ich weiß, dass es schwer ist, etwas zu essen und die Kalorien nicht im Kopf herumtanzen zu haben, wenn man schon weiß, wie viele enthalten sind. Das wird auch erstmal dauern. Wichtig ist aber, dass du zwischendurch nicht mehr zählst: Wenn du dir eine Mahlzeit zusammenstellst zum Beispiel, oder am Ende des Tages, geschweige denn einen Plan für den nächsten Tag aufzustellen. Für ,,neue" Lebensmittel gilt: Gar nicht erst aufs Etikett schauen! Mir hilft das sehr. Die Versuchung ist natürlich groß, aber was nützt es dir letzten Endes? Nichts, außer, dass du vielleicht anfängst, davon weniger zu essen, weil es soundso viele Kalorien hat. Es ist viel schöner, etwas zu essen und es allein nach dem Geschmack und der Konsistenz zu beurteilen anstatt anhand von Zahlen.
Alles wird gut. Hör nur auf, Verboten zu folgen.